Wenn Zeit aufhört zu existieren

— Ein Psychologe, ein Buch und die vielleicht wichtigste Entdeckung über menschliches Glück

Was die Wissenschaft schon lange weiß — und ich dir heute erzähle | Teil 4 von 6


Es gibt Momente, in denen du dich selbst vergisst.

Du bist so vertieft in das, was du tust — ein Gespräch, eine Aufgabe, ein Glas Wein mit jemandem, dem du wirklich zuhörst — dass die Zeit einfach aufhört zu existieren. Kein Grübeln. Kein innerer Kommentar. Nur das, was gerade ist.

Der ungarisch-amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi hat diesem Zustand einen Namen gegeben: Flow.

Und er hat sein Leben damit verbracht zu verstehen, warum er uns so glücklich macht.


Was Flow ist — und was er nicht ist

Csikszentmihalyis Klassiker „Flow: The Psychology of Optimal Experience“ erschien 1990 und veränderte, wie wir über Glück denken. Seine Kernthese: Das tiefste menschliche Glück entsteht nicht im Moment der Entspannung, sondern im Moment vollständiger Vertiefung.

Flow entsteht, wenn Herausforderung und Können im Gleichgewicht sind. Zu leicht — wir langweilen uns. Zu schwer — wir frustrieren uns. Genau dazwischen: Flow.

Was ihn fasziniert hat: Flow kann überall entstehen. Bei Chirurgen im OP. Bei Schachspielern. Bei Köchen, die ein Menü komponieren. Bei Musikern. Bei jemandem, der in seinem Garten arbeitet.

Es geht nicht darum, was du tust. Es geht darum, wie vollständig du dabei bist.


Die überraschende Verbindung zum Genuss

Hier wird es für mich persönlich interessant.

Csikszentmihalyi hat beobachtet, dass viele Menschen Flow bei Tätigkeiten erleben, die sie als bedeutsam und sinnlich empfinden — Kochen, Essen, Wein verkosten, ein Gespräch führen, das wirklich trifft. Tätigkeiten, die alle Sinne einbeziehen und Präsenz verlangen.

Genuss — bewusster, vollständiger Genuss — ist einer der direktesten Wege in den Flow-Zustand.

Nicht trotz seiner Schönheit. Wegen ihr.

Wer wirklich genießt, ist im Moment. Wer im Moment ist, erlebt Flow. Wer Flow erlebt, ist glücklich. Das ist keine Zufallskette — das ist Psychologie.


Was das mit dir zu tun hat

Ich frage meine Klientinnen manchmal: Wann hast du dich zuletzt selbst vergessen — im positiven Sinne?

Die Antworten sind aufschlussreich. Viele müssen lange überlegen. Manche sagen: „Ich weiß gar nicht mehr, was mich so einfängt.“

Das ist kein persönliches Versagen. Das ist das Ergebnis eines Lebens, das auf Effizienz getrimmt ist — und dabei vergessen hat, was Menschen eigentlich lebendig macht.

Csikszentmihalyi würde sagen: Finde wieder heraus, was dich in Flow bringt. Und dann tu es. Regelmäßig. Bewusst. Ohne schlechtes Gewissen.


Mein Impuls für dich heute

Denk an einen Moment in den letzten Wochen, in dem du vollständig präsent warst. Nicht beim Scrollen. Nicht beim Multitasking. Wirklich dabei.

Was war das?

Und: Wie oft passiert dir das? Wie oft erlaubst du dir, so dabei zu sein?

Flow beginnt mit Erlaubnis. Immer.


→ Weiter mit Teil 5: „Fast die Hälfte deines Glücks ist eine Entscheidung — Sonja Lyubomirskys Experiment“

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